Seideinerzeitvoraus.
WienerModerne2018

Österreichischer Offizier der k.u.k. Armee umarmt einen Freund, um 1910 © IMAGNO/Archiv Natter

„… sich gegenseitig mit Mädchennamen neckend“

Text:Andreas Brunner

Wien war um 1900 auch Treffpunkt vieler Homosexueller. Zwar wurden homosexuelle Handlungen offiziell schwer bestraft, doch das liberale Umfeld und die Anonymität der Großstadt sorgten vor allem für eine florierende Schwulenszene.

„Ostersamstag Abend geleitete mich Baron X in ein, wohl nur wenigen Normalsexuellen Wiens bekanntes urnisches Restaurant. […] Da sassen in zwangloser, lebhafter Unterhaltung Gebildete und Ungebildete, Reiche und Arme, Träger historischer Namen neben einfachen Handwerkern, verbunden durch ein gemeinsames Schicksal, das die Standesunterschiede überbrückte“, berichtete 1901 Magnus Hirschfeld, der Urvater der deutschen Homosexuellenbewegung aus Berlin, in einer medizinischen Fachzeitschrift über das im Verborgenen blühende homosexuelle Leben der Stadt, die in diesen Jahren zur brummenden Metropole wuchs. Wir dürfen seinem fachmännischen Blick trauen, auch wenn er aus guten Gründen keine konkreten Namen oder Orte nennt, denn männliche wie

weibliche Homosexualität wurde strafrechtlich verfolgt und war in weiten Kreisen gesellschaftlich geächtet. Die Großstadt, deren vielfältiges Treiben sich der staatlichen Kontrolle oft entzog, bot aber genügend Nischen für ein diverses, homosexuelles Leben, wie Hirschfeld es schilderte: „Wir sahen Herren, die äusserlich nichts Auffallendes darbieten, und andere geschminkt, gepudert, mit Schönheitspflästerchen verziert und mit echten oder unechten Brillanten überladen, […] hier erblicken wir ein Freundespaar von denen man uns mittheilt, dass sie schon über zwanzig Jahre zusammenleben […], dort jauchzt eine Gruppe 18- bis 20-jähriger Burschen in jugendlicher Fröhlichkeit, sich gegenseitig mit Mädchennamen neckend.“

Restauration „Eisvogel“ im Prater, 1891 © ÖNB/Wien, 135.230-D

Oberst Alfred

Redl

© ÖNB/Wien, Pf6924:C(1)

Oberst Redl Der schwule Spion

Hirschfeld erzählte nur von Treffpunkten homosexueller Männer, vom lesbischen Leben sind keine Berichte oder Zeugnisse überliefert. Doch dürfen wir annehmen, dass sich nicht nur die sozialen Schichten, sondern auch die sexuellen Identitäten in den Lokalen der Subkultur mischten. Weniger gesittet ging es dabei aber sicher in den Weinschänken, Bierkellern und Branntweinern der Vorstädte zu, ob am Spittelberg, rund um den Naschmarkt oder im Prater. Im Eisvogel, einem großen Unterhaltungslokal im Prater, himmelten lesbische Frauen die Musikerinnen des Damenorchesters an, in den Büschen längs der Prater Hauptallee suchten Männer Anschluss, auch auf die

Gefahr hin einer Erpresserbande in die Hände zu fallen. Wie selbstverständlich Prostitution zum Leben der Metropole gehörte, bezeugen die zahlreichen Aufrufe von Sittenwächtern gegen das verlotterte Leben in Wien.
Besonders beliebt auf dem Strich waren, wenn man Hirschfeld glaubt, „Soldaten der verschiedenen Wiener Regimenter, welche sich […] eine Nebeneinnahme verschafften.“ Für einen Skandal sorgte eine solche Beziehung, als Oberst Alfred Redl 1913 der Spionage für Russland und Italien überführt wurde, weil er militärische Geheimnisse verkaufte, um den aufwändigen Lebenswandel mit seinem Geliebten zu finanzieren. Soldaten, wenn auch nicht zwingend gegen Bezahlung, traf man auch in den zahlreichen Badeanstalten Wiens. Das Römische Bad in der Leopoldstadt war, wie das Centralbad (die heutige exklusiv schwule Kaiserbründl Sauna, in der sich selbst der Bruder Kaiser Franz Josephs, Erzherzog Ludwig Victor, genannt „Luziwuzi“, vergnügte) weit über die Stadt hinaus als mondäner Treffpunkt für schwule Männer bekannt. Weniger Bestallte trieben sich im proletarischen Margaretenbad oder im Esterházybad, beide in der Nähe des Naschmarkts, herum. Unter den Parkanlagen erfreute sich vor allem der zentral gelegene Stadtpark als homosexueller Begegnungsort besonderer Beliebtheit.

Poster für das „Centralbad“ in Wien (heute Kaiserbründl) von Hermann Grom-Rottmayer, 1912

© IMAGNO/Austrian Archives

Freud war gegen Verfolgung Homosexueller

Sexualität war nicht nur in der Kunst ein Thema – man denke an Arthur Schnitzler oder die offensiven Nacktdarstellungen von Gustav Klimt oder Egon Schiele – sondern auch in der Wissenschaft. Wien war eines der Zentren, wenn nicht das Zentrum, des wissenschaftlichen Diskurses über Homosexualität. Die Medizin, die junge Sexualwissenschaft und die sich gerade erst entwickelnden unterschiedlichen psychologischen Denkschulen fanden in der Erklärung des Phänomens Homosexualität eine dankbare Aufgabe. Nicht nur in den Kaffeehäusern und wissenschaftlichen Zirkeln wurde die „Psychopathia sexualis“ von Richard Freiherr von Krafft-Ebing heiß diskutiert. Der Bestseller, der bis Krafft-Ebings Tod 13 Auflagen erlebte, verdankte seinen Weltruf allerdings nicht nur „dem stofflichen Interesse […], das überhitzte Romanleser seiner Lehre von den sexuellen Perversitäten abgewannen“, wie Karl Kraus spottete. Bei aller Kritik an den pathologisierenden Grundthesen Krafft-Ebings, seine Psychopathia prägt bis heute unser Denken und Sprechen über Sexualität, da sich von ihm geschaffene oder popularisierte Begriffe wie Sadismus, Masochismus oder die Darstellung unterschiedlicher Formen des Fetischismus tief in unser kollektives Gedächtnis eingegraben haben.

Nur ein anderer sollte ihn in seiner weltweiten Wirkung noch überflügeln: Sigmund Freud, der Schöpfer der Psychoanalyse, ging von einer grundsätzlich bisexuellen Veranlagung des Menschen aus. Erst im Laufe der Entwicklung manifestiert sich dann ein hetero- oder homosexuelles Empfinden. Auch wenn Freuds Erklärung Homosexualität als Defizit in der sexuellen Entwicklung sah, trat er wie Krafft-Ebing und viele andere führende Intellektuelle seiner Zeit, wie die Schriftsteller Karl Kraus und Stefan Zweig oder die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder gegen die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität auf.

Viele von ihnen unterschätzten die konservativen Beharrungskräfte sowie den Aufstieg des Faschismus, der all ihren Bemühungen ein Ende bereitete. Kurze Zeit später verbrachte der Nationalsozialismus die Homosexuellen für lange Haftstrafen in den Kerker, er verschleppte sie in die Konzentrationslager und experimentierte an ihren Körpern. Und auch nach der Befreiung blieben die Gefängnisdrohung und die gesellschaftliche Ächtung aufrecht. Die Aufhebung der strafrechtlichen Verfolgung einvernehmlicher homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen sollte noch bis 1971 dauern. Und auch eine neuerliche Blüte der homosexuellen Subkultur wie sie in Wien um 1900 entstand, war in weite Ferne gerückt.

Esterházybad, ca. 1905 © Zentrum QWIEN